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Hallo,
ich bin Laura Christin. Meine Eltern meinten, ich sollte Euch mal ein bisschen über mich erzählen. Es war am 5. April 1999. An diesem Tage war im Bauch meiner Mutti nichts mehr wie vorher. Irgendwie war es ziemlich unruhig, Mama`s Herz klopfte immer wieder heftig und auf einmal wurde es hell und kalt und irgendwer ergriff mich und trennte mich von meiner Mama... |
Soweit - so gut: das haben wir ja wohl alle schon mal so ähnlich durchgemacht. Aber... die Leute schauten mich alle so traurig an, vor allem mein Papa und nach einer Weile auch meine Mama . Später wurde mir klar, daß es mit meinem kurzen Arm zusammen gehangen hat ...
Ich kam also mit einer Dysmelie, genauer gesagt, Peromelie meiner linken Hand zur Welt. Also: für mich war das ja nichts Besonderes, aber für die vielen großen Menschen um mich herum, war es wohl ein Schock. Naja, meine Eltern haben einige Zeit gebraucht, um zu begreifen, daß dieses Mal nicht andere, sondern sie selbst einen traurigen Schicksalsschlag hinnehmen mußten. Und das in der eigentlich schönsten Stunde in einem Familienleben! Die Stimmung in den ersten beiden Tagen war echt traurig. Ich konnte meine Mama erst mit meiner Mäkelei beim Trinken ablenken. Ich hatte schon im Bauch meiner Mama sehr auf die Linie geachtet. Mit 2600 Gramm hatte ich dann wohl doch etwas übertrieben oder untertrieben? Egal. So lösten halt diese Sorgen die anderen ab.Bei den zuletzt Genannten konnte ja uns geholfen werden.
Die ersten Tage und Wochen hatte ich ziemlich zu tun, um meine Eltern mit meinem Trinkproblemen, Schreien und diversen Nachtspielchen von ihrem Kummer abzulenken. Aber ihre Sorgen und Ängste um mich und meine Entwicklung nahmen nur sehr langsam ab. Mir war ja der Spaß auch schon soweit vergangen, daß ich zum ersten Lächeln etwas länger brauchte. Das war dann auch schon wieder Grund zur Sorge!!! Aber das Gefühl von Familienglück und Normalität setzte sich immer mehr durch, vorallem nachdem Mama und Papa die ersten Kontakte mit Eltern von Kindern wie mir knüpften.
Nach einem knappen halben Jahr besuchten meine Eltern wegen meiner fehlenden Hand mit mir einen Doktor. Er war der "oberste" Kinderorthopädie der Uni - Heidelberg. Meine Eltern hatten ganz viele Fragen und waren ganz gespannt. Aber der Onkel hatte wenig Zeit und konnte oder wollte die ganzen Fragen nicht beantworten. Wir sollten wiederkommen, wenn ich sitzen kann. Das war´s dann auch. Schade eigentlich.
Ich habe mir dann Zeit gelassen mit dem Sitzenlernen. Krabbeln war auch nicht meine Stärke. Der Fußboden bei uns war aber auch so kalt. Das macht dann wirklich keinen Spaß! Aber irgendwann habe ich begriffen, wie man die Schränke öffnet und in die Schubladen schauen und ausräumen kann ... Das war dann aber auch wieder nicht richtig!!!? Verstehe einer die Eltern!?
Im Dezember sind meine Eltern mit mir dann etwas weiter weg nach Aschau ins Chiemgau zu Dr. Correl gefahren. Er ließ uns erst durch eine Assistentin ausfragen, hatte dann aber viel Zeit für meine Eltern, um alle Fragen zu beantworten. Es war so schön, daß wir uns gleich am nächsten Tag noch einmal im Kinderzentrum in München bei Dr. Bauer sehen mußten. Meine Eltern waren danach schon deutlich entspannter und freuten sich über meine Entwicklung. Ich gebe mir ja auch Mühe, alles so schnell zu machen, wie die Kinder mit zwei Händen. Ich habe damit kein Problem, wenn´s mal wieder etwas länger dauert. Ich kenn das ja nur so. Zum Glück sind meine "Oldies" da mittlerweile auch schon etwas gelassener.
An meinem ersten Geburtstag war dann auch abzusehen, das ich nach wochenlangem harten Training bald selber laufen würde. Mama und Papa haben mit ihrem Gejammer über Rückenschmerzen nach jedem Spaziergang kräftig dabei geholfen. Und das nur, weil sie mal eine Stunde gebückt laufen mußten!!! Sie konnten sich ja auch noch abwechseln!!!
Im Sommer erfuhr Papa durch das Internet von Herrn Weltner. Er macht Armprothesen für Kinder wie mich. Auch er nahm sich viel Zeit für mich und meine Eltern. Wir schauten Videos an, und meine Eltern konnten wieder ´mal nicht anders, als ihm Löcher in den Bauch zu fragen. Im August nahm dann mein Papa, der mich ja seit Juni hauptamtlich betreut, all seinen Mut zusammen und fuhr mit mir zum Gipsabdruck zu Herrn Weltner.
Ich habe dann auch gute Miene gemacht. Vier Wochen später hatte ich dann meine erste Patschhand. Aber was sollte ich damit? Ich fand sie schwer, ungelenk und dann immer dieses "Anziehen"! Und Bälle konnte ich auch schon vorher tragen. Auch ganz Große.
Aber irgendwie war diese Hand auch ein schönes Spielzeug. Es machte Spaß, den Unterarm selbst draufzustecken und dann die Hand daran zu schrauben. Im Oktober machte Herr Weltner meiner Spielerei aber ein Ende. Der Prothesenunterarm war zu groß geworden. Der Babyspeck war weg. Die Prothese wurde etwas ausgepolstert. Nun ging diese "Anzieherei" wieder von vorn los.
Einige meiner täglichen Arbeiten gingen leichter, bei anderen war der Arm eher störend. Aber meine Pullover mußten nicht mehr ständig umgekrempelt werden. Für ein junges Fräulein ist das schon belastend. Im "Sommer"- Urlaub im November auf Fuerteventura war der Arm beim Buddeln und Planschen eher hinderlich. Er durfte auch nicht nass werden. Ich hatte mich inzwischen sehr an ihn gewöhnt und konnte jetzt noch größere Bälle tragen. Wieder daheim hatte ich ihn dann jeden Tag "mit"
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Um Weihnachten und Silvester machte mir dann aber eine Hautentzündung an meinem kurzen Arm recht zu schaffen. Es war wohl eine Allergie auf das Leder in der Prothese. Vier Wochen fast ohne "Arm" ; Creme für Creme wurde ausprobiert. Langsam wurde es mal besser, mal wieder schlechter. Herr Weltner hatte mir dann einen neuen Lederbezug in den "Arm" gemacht. Die Entzündung und der Juckreiz haben jedoch mir ganz und gar nicht gefallen. Ich hatte die Nase voll. Ich wollte die Prothese jetzt nicht mehr. |
Den "Bemühungen" meiner Eltern um das Anziehen der Prothese konnte ich nur meine Geschicklichkeit ohne "Arm" entgegensetzen. Ich habe sie auch überzeugt !!! Jetzt sind mittlerweile einige Jahre vergangen, ich bin über vier Jahre alt und komme immer noch wunderbar ohne Prothese zurecht.
Mittlerweile gehe ich auch schon in den Kindergarten. Damit ich hier richtig mitspielen kann, bekam ich im ersten Jahr einen eigenen "Zivi", der mir beim Klettern, Turnen und Basteln etwas half. Leider ist der jetzt studieren, aber ich habe jede Woche ein paar Stunden mit einer Heilpädagogin. Die macht auch ganz tolle Sachen mit mir.
Mittlerweile habe ich mir zeigen lassen, was mit einer Myoprothese alles möglich ist. Um nun mit Mama oder Oma richtig Plätzchen zu backen oder noch besser Fahrrad zu fahren zu können, fuhr ich mit meinen Eltern zu Herrn Frühauf in die Orthopädische Werkstatt nach Heidelberg-Schlierbach. Der ist ja so nett, da habe ich ohne weitere Umstände beim Myotest und dem Gipsabdruck mitgemacht. Ende Oktober habe ich die Myohand nun abgeholt. Etwas flau war mir da schon. Aber Herr Frühauf hat sie ganz vorsichtig angebracht.Das Greifen funktionierte auch gleich ganz gut, aber der "Arm" ist so ungewohnt.
Ich finde, man sollte sich an solche neuen "Dinge" langsam heranwagen. Nun spielt Frau Wagner von der Ergotherapie mit mir ganz tolle Sachen, damit ich mit der "Hand" üben kann. Wäsche aufhängen, einkaufen und Steine sortieren. Karten spielen kann ich mit der "Hand" auch ganz gut. Aber bei Spielen und Rumtollen stört sie doch etwas. Darum ziehe ich die Prothese doch nicht so gerne an.
Im Frühjahr will ich dann richtig Fahrrad fahren lernen, dazu baut mir Herr Frühauf noch eine Lenkhilfe für die Myohand. Auf dem Bild habe ich mit meinem alten Fahrrad schon mal heimlich geübt... Psssssst.
Lange haben meine Eltern versucht mir meine Myoprothese "schmackhaft" zu machen. Erst habe ich ganz viel mit der Ergotherapeutin geübt. Einkaufen, Steckspiele und Wäsche aufhängen. Ich war auch ganz toll. Wirklich !!! Ich kann´s einfach "ohne" meistens besser und schneller. Selbst beim Basteln. Sogar Herrn Frühauf (er hat mir die Prothese gebastelt !!) habe ich überzeugt. Nur beim Fahrrad fahren ...
Da macht einfach mit meiner Lenkhilfe viel mehr Spaß. Die ersten Fahrradtouren waren einfach toll. Und die Stützräder baue ich auch bald ab. Ohne Prothese natürlich.
Im Frühjahr 2005 wollte ich mal ohne die Stützräder fahren... Aber mit der Myoprothese war ich beim Fahren nicht mehr sicher und wollte es einfach nicht probieren. Schließlich habe ich mich dann ohne Myohand draufgesetzt und siehe da... es hat geklappt !!! Damit mein kurzes Ärmchen nicht wehtut, hat mein Papa etwas Weiches um den Lenker gewickelt. So konnte ich zunächst toll Fahrad fahren. Aber beim Abbiegen war da das Problem mit dem Hand raus halten... und meinen Eltern gefiel meine Fahrhaltung auch nicht so wirklich. Deswegen habe ich jetzt eine neue Hand aus Silkon bekommen. Die ist ganz weich und ich kann die Hand um den Lenker biegen. Jetzt sitzte ich richtig gerade auf dem Rad und kann beide Hände raushalten, natürlich nicht gleichzeitig!! Die Hand hat zwar zunächst keine Myoeletrik mehr, aber die war beim Fahrrad fahren auch etwas hinderlich. Demnächst gibt es hier auch mal ein paar Bilder. Ansonsten gehe ich seit September in die Schule und stöhne über die Hausaufgaben....
Sonst juckt mich die ganze Geschichte um meinen Arm nicht so sehr. Ich mag es nur nicht, wenn mich andere Kinder in mein Ärmchen kneifen wollen oder Erwachsene mich so komisch anstarren und dann mitunter so vorwurfsvoll weitergehen. Fragt mich doch danach, so schlimm ist es gar nicht, wie Ihr vielleicht denkt.
mail@jahr-family.de
© Laura mit Mama und Papa 2005