Prinzessin Carlotta

Ein cooles kleines Mädchen aus Hamburg

„Ach übrigens, Ihre Tochter hat da noch ein kleines Problem. Ihr fehlt die linke Hand.“

Genau das waren die beiden Sätze, die Papa Timmy am 8. März 2000 im Krankenhaus Altona in Hamburg hörte. Von einer hilflosen Ärztin, der nichts besseres einfiel.

 

Ihre Hoheit , Princessin Carlotta

Unsere Zwillinge Rasmus und Carlotta im Altonaer Krankenhaus unerwartet und chaotisch fast neun Wochen zu früh per Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Man hatte weder mich (Mami) vernünftig auf die Geburt vorbereitet, noch den Papa rechtzeitig angerufen. Der kam erst, als die Mäuse schon da waren und ich nach dem Kaiserschnitt noch im gekachelten kalten Aufwachraum lag. Niemand hat sich um den Vater gekümmert, der dann mit den lapidaren Sätzen zu den Zwillingen hineingeschickt wurde und natürlich ziemlich geschockt war.

Wegen der Zwillinge hatte man uns wie üblich zu den besonders guten Ultraschalluntersuchungen geschickt. Man möchte also meinen, jemand hätte die fehlende Hand Carlottas schon während der Schwangerschaft bemerkt. Fehlanzeige. Das lag aber sicher auch daran, dass sich Carlotta während der Schwangerschaft stets gut versteckt hatte. Wir wussten zur Geburt nicht einmal, ob sie ein Junge oder ein Mädchen werden würde. Bei Rasmus hingegen war es schon nach wenigen Monaten klar zu erkennen. Ich bin bis heute nicht unglücklich darüber, dass wir von der fehlenden Hand nichts wussten. Ich hatte – bis auf die Frühgeburt – eine schöne Schwangerschaft. Wir wäre sie gewesen, hätten wir es gewusst?

Angesichts der erwarteten Zwillinge haben wir auch keine der großen Vorsorge-Untersuchungen durchgeführt. Was hätten wir tun sollen, wenn ein Zwilling krank, der andere aber gesund gewesen wäre? Wir wollten nicht in diese Entscheidungsnot kommen. Dabei war die fehlende Hand ja nur ein Anlass zur Sorge. Bei Gewichten von 1800 (Rasmus) und 1200 Gramm (Carlotta) gab es ausreichend weitere Gründe zur Beunruhigung. Immerhin: Die Intensivabteilung des Altonaer Krankenhauses leistete ganze und großarte Arbeit. Carlotta musste nach der Geburt ganz kurz hilfsbeatmet werden, bevor beide Kinder für sieben Tage auf die Intensivstation verlegt wurden. Lediglich Rasmus bekam ein bisschen Gelbsucht, sah allerdings beim nackten Sonnenbad im Brutkasten mit Latexbrille auf dem Kopf aus wie ein Mafioso aus Palermo und brachte mich endlich wieder zum Lachen. Beide Kinder blieben von Infektionen verschont und entwickelten sich toll. Spätfolgen der frühen Geburt gibt es nicht.

Inzwischen hatte auch ich im Krankenhaus meine Augen nach der Vollnarkose wieder aufgeschlagen. Mein Freund war bei mir und erzählte mir sofort, dass es den Kleinen entsprechend den Umständen gut ginge, Carlotta aber die linke Hand fehlt. Ich habe instinktiv gesagt, dass es doch nichts machen würde. Und das ist bis heute meine feste Überzeugung.

Als die Kids nach einer Woche Intensiv- und weiteren rund zweieinhalb Wochen Frühchen-Aufpäppel-Station nach Hause kamen, begann das Leben zu viert zuhause. Wie alle Eltern haben wir die Zeit intensiv, gespannt, müde, fertig und immer wieder glücklich erlebt. Die fehlende Hand haben wir schon nach kurzer Zeit nicht mehr gesehen. Carlotta hat sich nie behindern lassen, schneller laufen zu lernen als ihr Bruder, schneller und höher zu klettern als andere und auch früh das Fahrradfahren zu erlernen.

Das kleine Mädchen wird im März 2005 fünf Jahre alt. Sie ist zäh, ehrgeizig und ganz schön glücklich. Dass sie einen gleichaltrigen Bruder hat, der inzwischen mit seinen 1,17 Metern ein kleiner Riese ist und mit seiner 1,04 Meter normal großen zierlichen Schwester auch gerne mal ruppig umgeht, war und ist förderlich für Carlotta. Da gibt´s glücklicherweise keine Rücksicht, nur weil sie ein paar Finger weniger hat.

Wir haben uns selbstverständlich intensiv mit allen Hilfs-, Operations- und sonstigen Optionen befasst, die Carlotta das Leben hier und da einfacher machen könnten. Dabei sind wir extrem schnell zu der Überzeugung gekommen, weder eine Operation zu riskieren, noch uns mit Prothesen überhaupt zu befassen, bevor unser Kind dazu seines Meinung qualifiziert kund tun kann. Die derzeit einzig mögliche Operation („Zehnetransplantation“) erscheint uns aus diversen Gründen als unsinnig:

Die essentiellen Dinge, die ohne Operation Mühe bereiten (es geht ja eigentlich fast alles!), die funktionieren doch auch dann nicht wirklich. Beispiel: Musikinstrumente spielen. Natürlich ist es für Carlotta von Vorteil, dass Ihr „nur“ die Hand fehlt. Ihr linker Unterarm ist voll ausgebildet, ebenso kann sie ihr Handgelenk leicht knicken. Daran befindet sich noch ein kleiner Teil des Handrückens und fünf kleine Fingerknospen. Entsprechend sind Carlottas Möglichkeiten – das ist uns klar - nicht ganz mit den Möglichkeiten jener Kids zu vergleichen, denen der ganze oder ein Teil des Unterarms fehlt.

An dieser Stelle möchte ich kurz von einem Bekannten erzählen, dem aufgrund eines Geburtsunfalls ebenfalls der linke Unterarm fehlt. Der Mann ist heute Ende 30, hat eine tolle Frau und zwei süße Kinder. Er hat als hochtalentierter Segler in Sydney 2000 bei den Paralympics Gold gewonnen, war aber in den vielen Jahren zuvor auch immer einer von Deutschlands Top 30 Seglern in der olympischen Laserklasse, hat sich dort mit allen „Normalos“ gemessen. Mit großem Erfolg. Sein Name: Heiko Kröger. Wer Lust hat, mehr über ihn zu erfahren, kann sich auf seiner Hompage www.heiko-kroeger.de mal umschauen. Macht viel Spaß! Warum ich hier von Heiko erzähle? Auch, weil der Typ keine Leistungslimits akzeptiert und schon deshalb ein Riesenvorbild ist. Vor allem aber, weil er kein Prothesenfan ist. Wir finden, dass einer wie Heiko doch ganz sicher qualifizierter zu diesem Thema urteilen kann als wir alle mit unseren zwei Armen und zwei Händen. Insofern halten wir uns gerne an Heikos Tipp: Lasst bloß den Quatsch mit der Prothese.

Sollte unsere Tochter – aus welchen Gründen auch immer – später eine Prothese wünschen oder auch nur probieren wollen, dann werden wir umgehend reagieren. Ganz sicher aber werden wir in dieser Hinsicht nicht vor- und damit ja auch in ihre Entwicklungsmöglichkeiten eingreifen.

Ich entschuldige mich, wenn wir an dieser Stelle so bestimmt, ja vielleicht fast gnadenlos klingen. Wir wollen aber versuchen, möglichst nichts für unsere Tochter zu entscheiden, weil wir glauben, dass nur sie wird entscheiden können, ob sie Hilfen benötigt und wenn ja, welche Hilfen sie möchte. Wir denken, dieser Prozess wird Schritt für Schritt gehen und sind neugierig wie aufgeschlossen, was die Zukunft betrifft.

Es gibt übrigens viele Situationen, in denen Lottchen jetzt schon Vorteile hat. Erinnern Sie sich noch, als Sie das erste Mal versuchten, freihändig Fahrrad zu fahren? Ich habe die Narben meiner abgeschürften Hand noch heute. Ich möchte wetten, dass Carlotta das schneller lernen wird, weil sie naturgemäß andauernd ihr Gleichgewicht trainiert. Das nur mal so am Rande...

Ich springe mal zum Thema Kindergarten, weil ich dazu in verschiedenen Foren den einen oder anderen negativen Erfahrungsbericht las. Einiges, was da berichtet wurde, fand ich ohne Worte, diskiminierend und einfach unmöglich. Wir hatten offensichtlich auch in dieser Hinsicht Glück. Unser privater Kindergarten, bei dem wir die Mäuse nach einem halben Jahr Leben in Neuseeland im Alter von drei Jahren angemeldet hatten, fand das Thema der fehlenden Hand nicht relevant für die Aufnahme oder sonstige Verhaltensmaßnahmen. Die Chefin hat lediglich alle Kinder am Tag vor Carlottas und Rasmus Kindergarten-Start informiert. Ich war nicht sicher, ob diese Art der Vorab-Information gut ist. Die Folge: Einen Tag lang waren alle neugierig. Dann hatte sich das Thema erledigt. Dabei ist es bis heute geblieben. Carlotta hat ihre Freundinnen und wir können im Innenverhältnis der Kinder zueinander keine besonderen Reaktionen auf die fehlende Hand beobachten. Natürlich ist das auch eine Frage des Selbstbewusstseins. Wir haben Carlotta beigebracht, auf Fragen nach der fehlenden Hand zu antworten. Meist mit dem Satz: „Ich bin so geboren und so ist es.“

Natürlich haben auch wir klassische Situationen erlebt, in denen fremde Kinder auf dem Spielplatz früher an der kleinen Hand zerrten. Natürlich fällt die fehlende Hand im Schwimmbad mehr auf als in Winterklamotten. Und natürlich wird auch sie hin und wieder angestarrt. Da hilft nur eines: Offensiver Umgang mit den Fakten. Und gute Freunde an der Seite.

Entsprechend bemühen wir uns intensiv, im kommenden Jahr gemeinsam mit Freunden aus dem Kindergarten gemeinsam in die gleiche Vorschulklasse zu kommen. An dieser Stelle – geben wir gerne zu – erbeten wir von höheren Instanzen schon einmal besondere Hilfe. Etwa beim Zulassen einer gemeinsamen Gruppe in die gleiche Klasse. Ich denke, das ist gestattet, auch wenn wir uns sonst darum bemühen, keine Extrawürste für Carlotta zu braten.

Wir bemühen uns auch im Innenverhältnis der beiden Geschwister darum, nicht Carlotta mehr Aufmerksamkeit zu gewähren als Rasmus. Ein lustiges Erlebnis hatten wir, als wir mit den Kindern im Alter von acht Wochen erstmals den Kinderarzt zum Check aufsuchen. Der Mann untersuchte und betrachtete die beiden Babys lange und sagte dann: „Also, um diese Kleine hier mit ihren fast schwarzen Augen und dem entschlossenen Gesichtchen brauchen sie sich wohl kaum Sorgen zu machen. Achten sie mal gut auf ihren Sohn. Der wirkt sensibler.“ Eine erstaunliche Feststellung, von der wir später manchmal das Gefühl hatten, sie wäre sehr treffend.

Während Rasmus erst jüngst wieder feststellte, er wolle mit dem Fahrradfahren noch etwas warten, kurvt Carlotta mit dem Fahrrad ohne Stützräder schon fast allein durch die Gegend. Sie findet es auch wahnsinnig komisch, auf Bäume zu klettern und Erwachsene damit zu erschrecken. Sie geht gerne Reiten (bei Freunden auf dem Land) und ist in all´ diesen Dingen komplett angstfrei. Da wir eine Segelfamilie sind, haben wir beide Kinder zum Trainingsbeginn für 2008 angemeldet. Dort im Verein sieht man keinerlei Schwierigkeiten, sie in die Gruppe aufzunehmen. O-Ton des Coaches: „Da hatten wir schon ganz andere Fälle!“

An dieser Stelle zunächst Schluss mit dem Bericht aus unserem Leben, das wir als Familie sehr genießen. Wir haben zwei tolle Kinder und viel, viel Spaß zusammen.

 

Wer mehr wissen möchte, Fragen hat oder einfach nur Kontakt aufnehmen möchte – sehr gerne! Meldet Euch bei uns unter tati@tatitext.de

 

Mit herzlichem Gruß an alle Forums-Neugierigen,

Carlotta, Rasmus, tati & Tim

 

P.S.: Wie so viele andere Familien auch fänden wir Treffen mit anderen kleinen „Carlottas“ toll. Wenn es also solche Prinzessinnen oder Prinzen im Raum Hamburg gäbe, dann meldet Euch doch bitte! Für die Kinder ist das einfach großartig...