Üblich sind
zwei Elektroden. Das Problem: „Mit so wenigen Sensoren werden die
Bewegungs- möglichkeiten der Fluid-Hand nicht annähernd ausgeschöpft“,
meint Gerner. Die Karlsruher Forscher wollen daher die Signale der
Myo-Elektroden besser nutzen, um so mehr Steuerbefehle in die
Kunsthand schicken zu können. Möglicherweise ist das nur eine
Zwischenetappe. Weltweit suchen Wissenschaftler nach Möglichkeiten,
die Prothese direkt an die Nerven zu koppeln: ein Chip, der die
Schnittstelle zwischen den Impulsen vom Gehirn und den künstlichen
Gliedmaßen herstellt. Der direkte Weg von den Nerven zur Prothese
macht auch Sinn, weil der Patient oft nur noch wenige Muskeln am
Stumpf besitzt, die als Kontaktflächen für die Myoelektroden in
Frage kommen. Die Zahl der Nervenstränge ist dagegen trotz
Amputation in der Regel unverändert. Doch obwohl Tierexperimente
mit Nerven-Kontaktchips Erfolg versprechend verlaufen sind: Bis die
ersten Prothesen-Patienten vom „Nervenstecker“ profitieren, dürften
noch mindestens zehn Jahre vergehen. „Das Hauptproblem: Wir wissen
nicht, wie sich ein fest eingepflanzter Chip auf Dauer im Körper
verhält“, erläutert Ingenieur Schulz. „Es besteht immer die
Gefahr, dass er als Fremdkörper vom Organismus abgestoßen wird.“
Noch fehlt der Tasteindruck
Das Fehlen einer funktionierenden Nerven -Prothesen -Schnittstelle
macht den Forschern auch die Lösung dieser Aufgabe schwer: die Übertragung
von Tasteindrücken, etwa an den Fingerkuppen der Prothese.
„Sinnvoll wäre beispielsweise, dass der Patient ein Gefühl dafür
bekommt, wie viel Kraft er aufwenden muss, um einen Gegenstand
sicher zu greifen – ohne ihn durch zu viel Druck zu beschädigen“,
so Orthopäde Gerner. Die dafür nötige Messtechnik wird bei den
heute erhältlichen Ersatzhänden zum Teil direkt in die Prothese
integriert. So war es früher für den Träger einer Handprothese
heikel, ein Glas zu halten und mit Flüssigkeit zu füllen: Da das
Gewicht beim Füllen zunimmt, konnte der Patient nicht sicher sein,
dass die Prothese das Glas sicher im Griff hat. „Spezielle
Sensortechnik macht es heute möglich, die Greifwirkung automatisch
anzupassen“, erläutert Dr. Michael Hasenpusch, technischer Geschäftsführer
von Otto Bock Health Care, einem der weltweit führenden Hersteller
von Prothesen.
Noch spektakulärer sind die Fortschritte, die derartige Sensoren
bei Beinprothesen erlauben: Computergesteuerte Kniegelenke messen
hier bis zu 50 Mal in der Sekunde die Druckbelastungen, die vom Fuß
kommen, die Gelenkstellungen und weitere Bewegungsdaten. Ergebnis:
Die Beinprothese stellt sich immer optimal auf den Gang des
Patienten ein. Vorbei die Zeiten, als Kunstbeine nur im gestreckten
Zustand voll belastet werden konnten. „Jetzt funktioniert das auch
mit gebeugtem Knie“, freut sich Gerner. „Wir haben ein ganz natürliches
Gangbild.“
Höchstleistungen dank High-Tech-Prothese
Was das vor allem beim Treppab-Steigen bringen kann, zeigt das
Beispiel des US-Amerikaners Curtis Grimsley: Am 11. September 2001
gelang dem oberschenkelamputierten Computer-Spezialisten unbeschadet
die Flucht aus dem brennenden World Trade Center – vom 70.
Stockwerk aus! Auch sportliche Höchstleistungen sind mit
High-Tech-Beinprothesen kein Problem mehr. „Spezielle Federn in
Sportprothesen erzielen sogar einen Katapult-Effekt“, so Gerner.
Zukunftsmusik – noch...
Oliver Rebholz hat einen anderen Traum. „Mit einer
Handprothese Gitarre spielen können!“ Stefan Schulz wagt keine
Prognose, ob die Fluid-Hand das eines Tages möglich macht. „Aber
sie dürfte dafür sorgen, dass endlich mehr Menschen mit fehlender
Hand ihre Prothese auch tragen. Bis jetzt tut es jeder dritte
Patient nicht, weil er mit der vorhandenen Prothese unzufrieden
ist.“
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